Besprechung der CD "Moment"
Richard Di Santo
Incursion Music Review #005 (Canada)
18.06.2000
Hans Tutschku, 1966 in Weimar geboren, studierte Komposition und Aufführung elektroakustischer Musik für viele Jahre mit unterschiedlichen Gruppen und an verschiedensten Institutionen. Er hat einen beeindruckenden Werkkatalog, der neben Kompositionen auch multimediale Werke einschließt. Die CD "Moment" präsentiert fünf Kompositionen von 1991 bis 1998. Jedes dieser Stücke kann als ein Versuch der Integration vokaler und instrumentaler Klänge in die elektroakustische Komposition gesehen werden, mit dem vom Komponisten erklärten Ziel, "den kulturellen Kontext der Quellen zu erhalten".
Das erste Stück, "Extrémités lointaines", verwendet Aufnahmen, die er auf einer Konzerttour in Asien realisierte: Stadtgeräusche, die Musik von Kirchen und Tempeln, sowie Kindergesang.
Die Verwendung "dieser unerwartet reichen Klangwelt" ... "sowie die Intensität der Eindrücke während der Reise führten zu einer sehr dichten kompositorischen Struktur."
Diese Intensität wurde mit überwältigender Überzeugung erreicht, die Klangmanipulationen sind unglaublich komplex und delikat; Qualitäten, die sich in allen Stücken der CD wiederfinden.
Das zweite Werk "...erinnerung..." basiert auf einem Poem vom Spanischen Autor Antonio Bueno Tubia. Die Aufnahme mit der Stimme des Autors "ist der Ausgangspunkt für die akusmatischen Transformationen." Das Ergebnis ist eine musikalische Übersetzung des Gedichtes, das zuerst in kleinste Teile zerschnitten wurde, die dann polyphon wiedergegeben wurden, um dichte Klangstrukturen zu erreichen.
Die vierte Komposition, "Sieben Stufen", ist wohl die herausragendste Komposition. Basierend auf dem Gedicht "Verfall" von Georg Trakl (1887-1914), verwendet sie zwei Aufnahmen des Gedichtes (mit vier verschiedenen Stimmen) als Klangquelle. Vier Schlüsselworte des Gedichtes: Verfall/ruine, Abend/au soir, Glocken/cloches und Vögel/oiseaux, wurden auf 14 Tonhöhen gesungen (sieben auf Deutsch, sieben auf Französisch). Die Ergebnisse von Tutschku's akusmatischen Transformationen sind wirklich bemerkenswert, überzeugend und mystisch.
Jedes der Stücke auf der CD hat seine eigenen intensiven Strukturen, fast immer auf Nummern basierend. "Les Invisibles" ist auf der Nummer fünf aufgebaut (fünf Teile, jeder in fünf Unterabschnitte geteilt, das harmonische Material basiert auf fünf Akkorden - jeder mit fünf Tönen). "Sieben Stufen" basiert auf der Zahl sieben (sieben Abschnitte, in der Coda Stauchung des Stückes auf 49 Sekunden, zwei Wortgruppen auf siebentönigen Akkorden)
Diese Werke sind strukturierte Mirakel. Die Klangbearbeitungen und die Produktion der Stücke sind superb. Die Klänge atmen ein Leben von eigener Dimension und scheinen aus den Lautsprechern in den Sie umgebenden Raum zu strömen.
Sehr zu empfehlen.

